Mittwoch, 21. Januar 2015

Denken geht nur manchmal

Um mein Koreanisch auf die nächste Ebene der Sprachkompetenz zu heben, sollte ich mehr lesen und wahrscheinlich auch mehr fernsehen. Zeitungsartikel habe ich schon versucht. Leider sind die Themen meistens nicht so wirklich spannend. Koreanisches Fernsehen sollte jeder Deutsche zwangsweise 24 Stunden non-stop anschauen müssen, der sich schon mal über die GEZ-Zwangsabgabe beschwert hat. ARD und ZDF produzieren auch viel Müll (Rote Rosen, anyone?), aber es gibt wenigstens Nachrichten, die auch diesen Namen verdienen. Auf KBS 1 dagegen kommt in den Neunuhr(abends)nachrichten gerne mal als erste Meldung, daß mittlerweile 90% aller High School-Schüler im Großraum Seoul eine Brille tragen. Man sollte allerdings ernsthaft über eine Zweitverwendung in Guantanamo Bay und den anderen Folterstandorten der CIA nachdenken. 10 Stunden 1박2일 am Stück sind wahrscheinlich effektiver als Waterboarding, und dann hat man auch nicht mehr so viel Ärger mit diesen albernen Menschenrechtlern. 

Da die offiziellen Medien also weitgehend ausfallen, weil mein Gehirn darauf allergische Reaktionen zeigt, habe ich mal Blogs probiert. Als naheliegendes Thema wählte ich zuallererst "국제연애" ("International Dating"), weil ich schon immer mal wissen wollte, was koreanische Frauen dazu treibt, ihre Standards für den Boyfriend in unterirdische Tiefen fallen zu lassen, wenn der Boyfriend nur eine Langnase ist, und sich mit Typen abzugeben, die sie nicht mal anschauen würden, wenn sie denn Koreaner wären. Die Blogs, die ich gefunden habe, haben nun ungefähr so das Niveau von Aufsätzen, die ich in meiner Grundschulzeit verfaßt habe, nur die Themen sind verständlicherweise etwas anders. Eine Bloggerin schrieb zum Beispiel sehr ausführlich mit vielen bunten Fotos über ihren Besuch mit Seanie im Thai-Spa bei uns um die Ecke. "Zuerst haben wir ein Couple-Bad genommen, dann wurden wir massiert, und es war alles ganz arg schön und romantisch und entspannend" könnte man als Zusammenfassung in einem Satz gelten lassen. Ich hoffe mal, daß Eomeonim und Abeonim nichts davon wissen, daß sich ihr jungfräuliches Perlchen mit männlichen Langnasen nackig in die Badewanne setzt und wahrscheinlich noch ganz andere Sachen macht. Faszinierend war auch, als ich daraufhin nach dem Spa genavert habe und ca. 15 weitere weitgehend identische Blogeinträge zum gleichen Spa gefunden habe. Selbst die Fotos hätte man austauschen können.

Das grundsätzliche Problem hier (und dieser Absatz würde in koreanischer Textproduktion fehlen) ist dieses deskriptive Level, über das Koreaner offensichtlich nur selten hinauskommen. Es liest sich immer wie ein Grundschüleraufsatz, und spannende Analysen (das heißt die Frage, warum das denn jetzt so ist im Gegensatz zu wie es denn ist) findet man leider keine. Außerdem gibt es einfach keine interessanten Gedanken - wenn man 15 Koreaner einen Aufsatz zu einem Thema schreiben lassen würde, bekäme man wahrscheinlich 15 weitgehend identische Aufsätze, weil niemand mal was anderes denkt. Leider ist aber ja das Ziel des koreanischen Bildungssystem ein Staatsbürger, der sein Maul hält und tut, was ihm befohlen wird, und wenn dabei noch Top-Plazierungen bei PISA rausspringen, um so besser. Selber denken braucht kein Mensch, und das Regieren ist auch viel bequemer so. Wäre mir auch weitgehend egal, wenn ich nicht jedes Semester wieder diese Hausarbeiten lesen müßte. Man hat es schon manchmal nicht leicht als Sonderpädagogin für Lernbehinderungen im Tertiärbereich :(

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen