Donnerstag, 24. April 2014

Sewol - random thoughts

Ich bin mir noch nicht so recht sicher, ob das hier nur ein Einmal-Post aus der Blogpause wird oder ob ich wieder regelmäßig bloggen werde, aber der Untergang der Sewol gärt doch recht heftig in mir.
 
Was genau passiert ist, ist auch mehr als eine Woche nach dem Untergang der Fähre noch nicht klar. Zeitungsberichten zufolge sieht es wohl so aus, daß sich das Ganze auf eine Verkettung von Konstruktionsfehlern und menschlichem Versagen zurückführen läßt - das Schiff wurde nach seiner ersten Indienststellung zweimal vergrößert, wie sehr dabei auf die Seetüchtigkeit bzw. Statik (falls man das bei Schiffen auch so nennt?) geachtet wurde, ist unklar, ebenso, ob die Fracht sachgemäß gesichert war.
 
Das komplette Durchkentern und schnelle Sinken der Fähre könnte darauf schließen lassen, daß Fracht verrutscht ist, vermutlich infolge eines zu abrupten Wendemanövers des unerfahrenen Dritten Offiziers in aufgrund starker Strömungen und Untiefen gefährlichen Gewässern. Nach dem derzeitigen Stand der Dinge gab es wohl keine Kollision mit einem Felsen. Zeitdruck nach einer um zwei Stunden verspäteten Abfahrt in Incheon aufgrund Nebels könnte auch eine Rolle gespielt haben - die Route, auf der die Sewol unterwegs war, war laut eines anderen Zeitungsberichtes nicht von der Regierung zugelassen. Soweit zu den "Fakten" aus der einheimischen und internationalen Presse - die Zahl der Toten steigt stündlich an, während immer mehr Leichen aus dem Wrack geborgen werden, und der Begriff Tragödie scheint immer angemessener für den Untergang der Sewol.
 
So, und jetzt zu den random thoughts. Es ist traurig, aber - es wundert mich nicht im geringsten, was da passiert ist.
Wer eine Weile in Korea gelebt hat, dem fällt wahrscheinlich auf, daß Regeln und Gesetze hierzulande eher auf "kann" statt auf "muß" basieren und das Enforcement vieler Regeln bestenfalls lax stattfindet, wenn überhaupt. Bei vielen Dingen ist das nicht so wichtig, aber bei Sicherheitsfragen kann es eben leider tödlich enden. Die jährliche Zahl der Verkehrstoten auf koreanischen Straßen und der Untergang der Sewol sind traurige Zeugen dieses Problems, das aber leider in der koreanischen Öffentlichkeit offensichtlich bisher nicht genügend als Problem wahrgenommen wurde. (Man kann nur hoffen, daß die Sewol etwas daran ändern wird, aber ich glaube nicht, daß das passieren wird.) Koreanische Navis warnen den Fahrer zum Beispiel freundlicherweise ca. 500 Meter vorher über die nächste fest installierte Radaranlage, so daß man das Tempo rechtzeitig drosseln und das Knöllchen verhindern kann. Das Konzept mobiles Radar oder auch das Konzept Alkoholkontrolle sind hierzulande eher wenig verbreitet, was einen als ahnungslose Ausländerin aufgrund der bereits schon genannten Verkehrstotenstatistik doch nur wundern kann.
 
Wer eine Weile in Korea gelebt hat, dem fällt wahrscheinlich auch auf, daß viele Koreaner von ihrem Job nicht sehr viel Ahnung haben, weil sie z.B. Architektur studiert haben und jetzt den Job eines Informatikers machen oder schlicht und einfach nie eine anständige Einweisung erhalten haben. Auch hier ist das in vielen Bereichen sicher nicht so schlimm, wenn auch spektakulär ineffizient - jedes zweite Mal, wenn ich Internetshopping mache, ist das Produkt, das ich eigentlich haben wollte und erfolgreich bestellen und bezahlten konnte, leider schon ausverkauft, was dann dazu führt, daß das Unternehmen eine Entschuldigungsmail, -SMS oder einen Anruf organisieren und die Zahlung stornieren muß. Schafft alles Arbeitsplätze! Das Ganze könnte man natürlich leicht verhindern, indem man eine anständige Lagerhaltung mit einer anständigen Webpage kombiniert. Ach ja, und das passiert nicht bei Klitschen wie der Ein-Frau-Internetshoppingmall für Schuhe Größe 42 meines Vertrauens, sondern meistens bei Großfirmen wie Interpark oder GS Supermarket. Auch hier gilt wieder, daß das Ganze leider tödlich enden kann, wenn man die gleiche Ausbildungsqualität in sicherheitsrelevanten Jobs (Fähren, Flugzeuge, Atomkraftwerke etc.) hat.
 
Wer eine Weile in Korea gelebt hat, dem fällt wahrscheinlich zu guter Letzt auf, daß Probleme jeglicher Art meist mit blindem Aktionismus beantwortet werden, der vielleicht an den Symptomen herumdoktert, aber nicht die Ursachen bekämpft. Als Reaktion auf den Untergang der Sewol wurden jetzt z.B. Schulausflüge verboten und die offensichtlich schmuddeligen Firmenpraktiken der Betreiberfirma untersucht. Die Verlagerung der Berichterstattung auf solche Nebenkriegsschauplätze lenkt natürlich trefflich von der Rolle ab, die Regierungsinstitutionen und die Regierung selbst beim Untergang der Sewol gespielt haben. So hat z.B. Fräulein Park zu Beginn ihrer Amtszeit die Sicherheit und deren Verbesserung zur Priorität erklärt, aber leider bisher nicht besonders viel dafür getan. Zum Beispiel ist für die Sicherheitsstandards auf koreanischen Fähren und deren Kontrolle scheinbar der Verband der koreanischen Fährbetreiber zuständig, was eine interessante Anreizstruktur schafft und einen als ahnungslose Langnase doch innerlich ganz laut nach dem TÜV schreien läßt. Die chaotische Berichterstattung aus den ersten Stunden nach dem Untergang mit viel zu hohen Zahlen von Geretteten und die Tatsache, daß man denselbigen zwar live im Fernsehen verfolgen, aber gleichzeitig offensichtlich nur wenig für die Rettung der Opfer getan werden konnte, werfen auch nicht gerade ein gutes Licht auf die Organisation der Rettungsaktion.
 
Man könnte auch einfach zusammenfassen mit der Aussage, daß Korea zwar das GDP eines Industrielandes, aber die Institutionen eines Entwicklungslandes besitzt und sich nie weiter entwickeln wird, wenn sich seine Institutionen nicht entwickeln. Ich hoffe noch, daß der Untergang der Sewol den Anstoß für eine Diskussion zumindest über Sicherheitsstandards und deren Einhaltung geben wird, aber es scheint in Korea offensichtlich wichtiger zu sein, gelbe Schleifchen auf seinem Facebookprofil zum Zeichen der Solidarität als Profilfoto zu verwenden, statt zu fragen, was die Sch.... eigentlich soll und z.B. mal eine Großdemo an exponierter Stelle (Gwanghwamun, anyone?) zu organisieren.
 
Ach ja, und wenn die Koreaner selbst denn nun glücklich und zufrieden mit dem Stand der Dinge im besten aller Länder wären, könnte einem das Ganze ja auch ziemlich egal sein - aber nicht mal das ist der Fall. Es ist schon zum Verzweifeln.


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