Dienstag, 17. September 2013

Multikulti für Angefangene

Ich weiß, ich weiß, ich sollte das nicht tun, aber letzte Woche habe ich es wieder mal getan: ich habe den Fernseher angeschaltet. Das kommt in unserem Haushalt eigentlich nur Sonntag abends vor, wenn Schatzi sich 진짜 사나이 ("Echte Kerle"), eine Militärdokusoap mit vielen überraschenderweise ausschließlich männlichen B- bis D-Promis über das Leben beim Heer anschaut. Er meint, das sei interessant, weil er ja schließlich bei der Marine war und deswegen nicht wisse, wie es anderswo so läuft. Leider finde ich keinen der Echten Kerle richtig heiß, was nicht mal die große Menge an Flecktarn und Panzern in der Sendung aufwiegen kann, und daher bin ich nicht der allergrößte Fan dieser Sendung.

Ähm, egal, zurück zum Thema. Wie der Zufall es so wollte, lief bei meiner Expedition ins K-Fernsehland "Love in Asia", die Sendung für und über Frauen wie mich, d.h. nicht-koreanische Ehefrauen koreanischer Männer. Komischerweise gibt es in der Sendung zwar durchaus Ehefrauen aus nicht-asiatischen Ländern, aber keine einzige aus einem Land, das ökonomisch besser dasteht als Korea. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Komischerweise haben die Frauen auch alle keinen besonders hohen Bildungsabschluß, eine davon lernt z.B. gerade für ihre Prüfung zur Friseurin, ist aber im ersten Anlauf durchgefallen, weil das alles auf Koreanisch ja ziemlich schwierig ist. Fände ich ganz ehrlich wahrscheinlich auch, obwohl ich quasi in einem Friseursalon aufgewachsen bin, Dauerwellflüssigkeit auf Koreanisch? Keine Ahnung!

Gerne gibt es in der Sendung dann auch tränenreiche Besuche im Heimatland der Frauen, gesponsert selbstverständlich vom Fernsehsender, wo man sich als koreanischer Zuschauer dann daran erfreuen kann, wie ärmlich das doch alles ist in Vietnam, so im Vergleich zum eigenen auf Kredit gekauften Apartment samt auf Kredit gekauften Riesenfernseher, in dem man gerade auf der auf Kredit gekauften Couch sitzt. (Ich hab neulich mal so eine Statistik gelesen, daß etwa 60% aller koreanischen Mittelklassehaushalte pro Monat mehr ausgeben als einnehmen, finde die aber leider nicht mehr - da befindet sich gerade die nächste Blase in der Aufpustephase, die irgendwann mal platzen muß, aber hey, egal! Corporate Korea und vor allem die Firma mit den Drei Sternen boomen, after all!) Wenn man aus Seoul 50 Kilometer nach Norden fahren würde, könnte man auch im eigenen Land noch viel größere Armut als in Vietnam sehen, aber das sind schließlich alles "Rote" im Norden, und wenn Kommunisten verrecken, ist das egal, denn das sind ja keine Menschen, im Gegensatz zu den Verhungernden Kindern der Dritten Welt.

Auch die Frisur sitzt besser
bei den Profis!
Wie dem auch sei, Koreaner haben scheinbar echt ein Problem mit der Tatsache, daß es auch Immigranten gibt, die (formal) gebildet sind, Koreanisch sprechen, nicht als Importehefrau ins Land gekommen sind und in einem qualifizierten Job arbeiten, der wahrscheinlich besser als ihr eigener ist. Solche Migranten sind nämlich in den Medien ziemlich unterrepräsentiert. Es gibt aber Gott sei Dank immer noch eine andere Möglichkeit, zu zeigen, wo der Hammer hängt: man kann sie einfach als Pausenclowns in die Medien einladen, wie z.B. die einzige Langnase bei den Echten Kerlen. So geschehen auch bei unserem Auftritt bei Gugak-FM. Ich wußte ja nicht so recht, wie das Ganze ablaufen sollte, aber wenn ich das vorher gewußt hätte, hätte ich wahrscheinlich nicht so bereitwillig mitgemacht. Also, die Sendung war anläßlich der Hinzufügung des Arirang zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO. In Deutschland kräht nach sowas kein Hahn, ich stelle gerade fest, daß unser an Kulturerbe offensichtlich armes Land auf dieser Liste auch keinen einzigen Eintrag hat, in Korea ist das aber ein big event, was ich jetzt mal ganz unkommentiert im Raum stehen lasse. Das Konzept der Sendung sah dann so aus, daß es eine Aufzeichnung eines Live-Konzertes gab, in dem alle Arirangs, die es so gibt, vorgetragen wurden, von Gangwondo bis Sonstnochwo. Inklusive zweier junger Musiker, die irgendwelche Links zu den Roten im Norden hatten und auch im Stil des Nordens zu Playbackbegleitung musizierten, scheinbar aber Joseonjok, jetzt ja eh in die warme Umarmung des Kapitalismus gekommen und damit wohl akzeptabel waren.

Die schnuffigen Moderatoren-Oppas.
Die anderen Vortragenden waren alle die "Bewahrer des Schatzes" für das jeweilige Arirang bzw. deren Schüler. Ich hab gerade vergessen, wie die tatsächlich auf Deutsch heißen, also auf Koreanisch ist es 명인, öhem. Das Prinzip geht nämlich so, daß es immer einen von denen für eine bestimmte Kunstform wie etwa Liedgut einer bestimmten Region oder einen Tanz gibt, der eben der 명인 ist. Und dazwischen kamen dann wir, nach ganzen drei Monaten Unterricht einmal pro Woche und mit zwei Mitstreitern, natürlich die beiden Männer im Team, wo mir schon nicht so recht klar ist, warum sie das Ganze sich und ihrer Umwelt antun. Einer der beiden hat zuvor Tango getanzt, fand aber, er wolle jetzt ein Hobby machen, das mehr mit Korea zu tun hat. Vielleicht hätte er stattdessen lieber Fächertanz lernen sollen, das macht weniger Lärm.

Die Musiker.
Schade ist nur, daß das der Auftritt meiner Hobbymusikerlaufbahn war, wo ich zwar das wahrscheinlich geilste Begleitorchester aller Zeiten hatte, leider aber am wenigsten Ahnung davon hatte, was ich da eigentlich so treibe. What a waste, echt wahr.
Ach ja, und den Sendetermin gibt es auf persönliche Nachfrage per email. Man muß nicht alles mit der Öffentlichkeit geteilt haben!

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